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Wie möchtet Ihr leben?

Mein Beitrag zur Initiative #bloggerfuerfluechtlinge

Das betrifft mich nicht zählt nicht mehr. Hat es noch nie. Jetzt weniger denn je. Es ist kalt geworden in Deutschland. Vielleicht war es das immer. Aber niemand darf jetzt wegschauen.

Wenn mitten in Berlin auf Kinder uriniert wird. Wenn Brandsätze fliegen. Wenn Menschen ihre rassistischen Parolen herausschreien. Wenn die Medien die Angst vor Überfremdung schüren. Durch täglich nach oben korrigierte Zahlen. Dann ist es allerhöchste Zeit. Laut sein. Die Stimme erheben.

Es ist warm geworden in Deutschland. An den Hamburger Messehallen. Zum Beispiel. Hier wird geholfen. Hier packt man an. Von Mensch zu Mensch. Ohne Tamtam. Karrt unermüdlich nötiges heran. Baut einen Spielplatz. Geht mit Flüchtlingen spazieren. Das macht Mut. Davon will ich mehr.

Kleinigkeiten zählen. Die Kleinigkeiten ganz besonders. Ein Lächeln. Das beherzte Einschreiten. Angesichts rassistischer Äußerungen. Man muss nicht gleich eine Unterkunft bauen. Kann man aber. Und das sollte gefeiert werden. Nicht seziert.

Ich werde mein Land bald verlassen. Für sechs Monate. Freiwillig. Unterwegs werden mich Menschen freundlich begrüßen. Fremde werden mir ihre Tür öffnen. Ich lebe in Deutschland. Die Welt steht mir offen. Mein Pass wird gerne gesehen.

Ich habe mir das nicht erarbeitet. Keinen Beitrag geleistet. Es ist ein Zufall. Mehr nicht. Ich musste nie hungern. Mich nicht in Sicherheit bringen. Nicht nächtelang bangen um die, die ich liebe. Aber weit weg war das nicht.

Willkommen sein in der Fremde. Oft erlebt. Gerne genossen. Es ist beschämend. Weil es hier anders ist. In meinem Land.

Meine Mutter ist Kroatin. Sie kam als Gastarbeiterin. Deutschland sollte eine Station sein. Von vielen. Sie blieb. Gründete eine Familie. Arbeitete. Mein Leben hätte anders sein können. Dort. In Kroatien. Nicht hier. Wie das meiner Cousine. Aus Šibenik. Die einen Krieg erleben musste. Die jahrelang zitterte. Wenn sie ein Flugzeug hörte. Wie der Cousin meiner Mutter. Ein Surfertyp. Gechillt. Der im Krieg viel sehen musste. Es nicht ertrug. An einem goldenen Schuss starb. Zu jung. Viel zu jung.

Wollen wir dabei zusehen, wie man Menschen verurteilt? Weil sie ihre Heimat verlassen? Auf der Suche nach Schutz. Einem besseren Leben. Ängstlich. Traumatisiert. Zurückgeworfen auf ihre bloße Existenz. Wie kalt soll es sein? Unser Land?

Und was wären wir für Menschen, würden wir in der gleichen Situation nicht dasselbe tun?

Sie sind kriminell. Sagen sie. Sie nehmen uns etwas weg. Sagen sie. Was denn? Frage ich.

Ich möchte eine politische Debatte. Über ein sinnvolles Asylrecht. Und ich möchte Menschen, die Menschen ihre Herzen öffnen. Beides ist wichtig. Politisch können wir uns streiten. Menschlich darf es keine zwei Meinungen geben. Einem Menschen in Not reicht man die Hand. Alles andere ist ein Skandal.

Tu Gutes und sprich darüber. Sah ich immer zwiegespalten. Jetzt nicht mehr. Erzählt es, wenn Ihr spendet. Flüchtlingen vorlest. Euch engagiert. Seid ein Vorbild. Es steckt an.

Ich möchte mehr Empörung. Aber weniger Pöbelei. Polemik ist nicht angebracht. Ich möchte Menschen, die für Menschenrechte einstehen. Asyl ist Menschenrecht.

Empört Euch. Wenn Ihr auf Facebook menschenverachtende Beiträge seht. Meldet sie. Jeden einzelnen. Protestiert, wenn ein Kollege sich rassistisch äußert. Das darf nicht unkommentiert geschehen.

Ich möchte Medien, die Menschlichkeit über Auflage stellen. Schreibt über Menschen. Nicht über Zahlen. Gebt der ‚Bedrohung‘ ein Gesicht. Schafft Raum für Empathie. Werdet Eurer Verantwortung gerecht.

Ich möchte Politiker, die Stellung beziehen. Klar. Ohne Eiertanz. Die nicht schweigen. Bis der Druck der sozialen Medien sie zu einer Äußerung zwingt. Die agieren. Statt zu reagieren. Werdet Eurer Verantwortung gerecht.

Das betrifft mich nicht. Sagt Ihr noch immer? Macht ein Experiment. Geht in eine Flüchtlingsunterkunft. Nur eine halbe Stunde. Zehn Minuten. Und dann sagt mir, dass Euch das nicht betrifft. Ich habe geweint. Nach meinem ersten Besuch. Beim Ärzteteam. In den Messehallen.

Wir sind als Menschen gefragt. Jetzt. Wir alle.

Ich möchte in einem Land leben, das Menschen in Not mit offenen Armen empfängt. Wie möchtet Ihr leben?

(Dieser Artikel ist mein Beitrag zur Initiative #bloggerfuerfluechtlinge. Wenn er Euch gefallen hat, teilt ihn bitte. Oder schreibt selbst etwas. Es ist an der Zeit für alle anständigen Menschen, ihre Stimme zu erheben.)

 

 

 

 

6 Kommentare

  1. Olga sagt

    Liebe Nina,
    danke für diese Worte! Es sind mutige, bewegende, aufrüttelnde, und vor Allem wahre, aus tiefstem Herzen kommende Worte.
    Ich verfolge das Geschehen in Deutschland aus der Ferne und … ein ungutes Gefühl macht sich in mir breit. Es macht mir Sorgen. Ich hoffe aus tiefstem Herzen, dass letztendlich die Menschlichkeit, die Toleranz und Nächstenliebe die Oberhand behält und über die menschenverachtende Gesinnung siegt.

    • Danke, Olga. Das ist sehr lieb. Ja, wir machen uns hier auch Sorgen. Aber es bewegt sich auch etwas im Guten. immerhin. Ich bin gespannt, was die nächsten Monate bringen.

  2. Hej Nina,

    ich muss gestehen, dass ich Deinem „Stil“ nicht folgen kann/mag. Es sind mir zu viele Satzendezeichen, wo ich eigentlich Zusammenhang erwarten würde. Ein Punkt trennt die Sätze und schafft Abstand. Wobei Du mit diesem Text doch eigentlich das Gegenteil möchtest und es inhaltlich ja auch rüberbringst (habe mir den Text dann doch durchgelesen).

    Ich frage mich auch, ob Dich das jetzt stresst, zu diesem Zeitpunkt das Land zu verlassen und für Monate auf Reisen zu gehen, wenn Du -wie Du ja verdeckt selbst schreibst- man eigentlich jetzt vor Ort am meisten gebraucht wird?

    • Hey Oli, danke für Deinen Kommentar. Solange wir uns inhaltlich halbwegs einig sind, kann ich gut damit leben, wenn Dir mein Stil nicht gefällt. Ich schreibe normalerweise nie in so kurzen Sätzen und habe diesen Stil bewusst gewählt, um teils mehr Nachdruck zu verleihen, aber auch, um das Lesen nicht so flüssig wie üblich zu gestalten. Muss ja nicht funktionieren…

      Ob ich mich damit schwer tue, jetzt auf die große Reise zu gehen? Nein. Ich freue mich darauf und kann es kaum erwarten. Ich würde gerne hier vor Ort noch mehr anpacken und mich einsetzen, aber leider gehe ich davon aus, dass unsere Gesellschaft auch nach meiner Rückkehr noch nach Lösungen sucht, diskutiert. Und dann packe ich gerne mit an. Für mich ist es kein Widerspruch, jetzt zu gehen. Darüber nachgedacht habe ich allerdings viel.

      Ich werde unterwegs – wie sonst auch – versuchen, meinungsstark zu sein und mich für die richtigen Dinge zu engagieren, auch wenn es dann nur verbal ist.

      LG, Nina

      • Finde ich gut. Habe auch nicht erwartet, dass Du Deine soziale Ader unterwegs ausbluten lassen wirst.

        Ich tue mich nur generell mit (scheinbaren) Widersprüchen schwer, wenn jemand -das musst jetzt auch nicht zwangsläufig Du sein- das eine sagt und im nächsten Schritt etwas anderes tut. Dabei ist es unerheblich, ob dieser Schritt lange geplant und ggf. unausweichlich ist oder nicht. 😉

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